10. Juni – Unterwegs an heiligen Orten

Die Klagemauer

Die Klagemauer

Ausschlafen fällt heute aus. Wer den Tempelberg besichtigen möchte, sollte früh aufstehen, den nur vor den Gebetszeiten ist Nicht-Muslimen der Zutritt gestattet. Das Internet verrät nach viel Recherche Öffnungszeiten von 8.30-11.00 Uhr, aber ganz sicher kann man sich dessen wohl nicht sein. Also suche ich um halb zehn etwas desorientiert nach dem Zugang, der mir als Nicht-Muslima nur durch eines der vielen Tore gewährt werden kann. Verräterisch ist letztlich das Schild, auf dem ein Rabbi gläubigen Juden den Zutritt untersagt, zu groß ist die Gefahr, aus Versehen in das Allerheiligste des zerstörten Tempels zu treten. Nach der Taschenkontrolle geht es über einen Holzweg oberhalb der Klagemauer hinauf.

Der Felsendom

Der Felsendom

Oben bin ich beeindruckt – das Gelände ist weitläufig, die vergleichsweise wenigen Touristen verlieren sich. Hier und da sitzen im Schatten jeweils Männer oder Frauen in Gruppen zusammen, in den Plausch oder das ernste Gespräch vertieft. Vor mir erheben sich die Al-Aqsa-Moschee, das drittwichtigste heilige Platz der Muslime. Und links von mir schimmernd und der Felsendom. Unglaublich, dass eine solche Kuppel bereits knapp 700 n. Chr. gebaut werden konnte. Und trotz der Größe – der zweite Tempel Jerusalems muss den Felsendom in seinen Ausmaßen um einiges übertroffen haben. Leider ist mir das Betreten der Gebäude nicht gestattet, doch bereits das Umwandern der beindruckenden Bauten und eine Pause im Schatten der Bäume sind den Besuch wert.

Blick auf die Al Aqsa-Moschee

Blick auf die Al-Aqsa-Moschee

Nach jüdischer und muslimischer Tradition fand hier die Beinahe-Opferung Isaaks statt, dann erhoben sich hier die Tempelbauten Salomos und Herodes, später erbauten die muslimischen Eroberer den Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee und erinnerten damit an den Ort, von dem Mohammed seine Himmelsreise angetreten hat. Beide Heiligtümer dienten den Kreuzfahrern wiederum als Residenz und Kirche, bis Saladin sie wieder dem islamischen Kult zurückbrachte. Obgleich Gebete anderer als des Islams hier oben verboten sind und trotz aller Konflikte um die ewige Stadt Jerusalem – hier oben ist davon wenig zu spüren – dafür warmer Wind, weite Blicke, Ruhe und Frieden. Beim Gehen wähle ich eines der anderen Tore und werde freundlichst erst von einem Straßenkehrer und dann einem Mann am Tor darauf hingewiesen, dass wenn ich den Platz durch dieses Tor verlasse, ich nicht durch dieses Tor zurückkommen kann. Wie so oft auf meiner Reise bin ich von Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft von allen Seiten immer wieder beeindruckt.

Uralter Olivenbaum im Garten Gethsemane

Uralter Olivenbaum im Garten Gethsemane

Ich suche meinen Weg durch die Gassen bis zum Löwentor/Stephanstor und von dort den Hügel hinab zum Garten Gethsemane. Uralte Olivenbäume stehen ruhig zwischen trubeligen Touristengruppen und aufdringlichen Taxifahrern. In der angrenzenden Kirche lässt sich kurz verschnaufen, als eine Gruppe von Vietnamesen beginnen, einen Gottesdienst zu feiern und gesanggeübte Männerstimmen die Kirche mit Klang erfüllen.

Blick gen Tempelberg aus Dominus Flevit

Blick gen Tempelberg aus Dominus Flevit

Nach einem kurzen Aufstieg Richtung Tempelberg erhalte ich wunderschöne Aussichten vom Garten und aus der Kirche Dominus Flevit. Der kleine schlichte Bau, der an die Trauer Jesu angesichts der kommenden Zerstörung Jerusalems erinnert, ist nicht wie üblich nach Osten ausgerichtet, sondern der Blick über den Alter fällt durch ein helles Fenster nach Westen auf den Tempelberg, Felsendom und dahinter die Grabeskirche.

Weitergeht es heute noch nach Bethlehem. Also wieder hinunter, ein kurzer Abstecher zum Mariengrab und ich erklimme den Berg zur Altstadt erneut, suche meinen Weg durch die verwinkelten Gassen zum Damaskustor und dem dortigen Busbahnhof. Ich finde einen modernen, voll-klimatisierten Bus nach Bethlehem und löse ein Ticket für umgerecht nicht einmal 1,50 Euro – ich glaube, das konnte keiner der zahlreichen Taxifahrer toppen.

Kreuzgang Katharinen an der Geburtskirche Bethlehem

Kreuzgang Katharinen an der Geburtskirche Bethlehem

In Betlehem ausgestiegen weisen Taxifahrer gern den Weg Richtung Geburtskirche, sind aber umso schwerer wieder loszuwerden… Mitten durch den Bazar der Altstadt mit lautem Rufen, viel Gehupe und tausend Läden finde ich meinen Weg zur Geburtskirche. Auch hier ist die größte Herausforderung sich gegen Reiseführer zu wehren und allein den Weg in und durch die Kirchen anzutreten. Trotz verschiedener Altäre, Traditionen und den sich eng an die Kirche drängenden Klöstern verschiedener Konfessionen wirkt der Raum einheitlicher, ruhiger, zentrierter als die Grabeskirche und gewinnt sofort an Ausstrahlung als einige armenische Priester singend ihren Gottesdienst beginnen.

Nach einem kurzen Bummel durch die Seitenstraßen und dem Blick über Bethlehem vom Dach einer Olivenholzmanufaktur finde ich meinen Weg zurück nach Jerusalem.

Festival der Lichter

Festival der Lichter

Der Abend schließt mit einem Spaziergang zurück in der Jerusalemer Altstadt, die kitschig, künstlerisch und so manches Mal recht frech von Lichtinstallationen des Festivals der Lichter durchwoben ist.

Wehmut macht sich breit, unterstützt von einer großzügigen Portion Araq bei einem Bekannten – Morgen verlasse ich diese einmalige Stadt von der ich manches und doch so wenig gesehen habe. Ich werde wohl wiederkommen müssen.

 

9. Juni – Yad Vashem

Es kostet mich Überwindung. Ich gönne mir einen Spaziergang durch die Stadt bis zur Straßenbahn, fahre dann bis zur Endhaltestelle und habe einen kurzen weiteren Spaziergang bis ich vor dem Gelände von Yad Vashem stehe.

Wer hier schon einmal war, dem brauche ich wohl nichts zu beschreiben; davon wie schon wenige Minuten reichen, um mein wohliges Urlaubsgefühl zu verscheuchen und dem Grauen Platz zu machen und immer wieder mit Tränen kämpfen zu müssen. Durch einen sich erst verjüngenden, dann wieder öffnenden Gang aus schlichtem Beton laufe ich in Schlangenlinien durch Ausstellungen und Bilder, Exponate und Installationen, lausche den Erzählungen Überlebender. Grafiken und Zahlen, die unfassbar bleiben, umso mehr, wenn immer wieder die Geschichten einzelner Menschen und Familien fassbar werden, um dann von der Statistik vermillionenfacht zu werden.

Dazwischen die Geschichten von Widerstand und Mut und Mitgefühl; den zahlreichen Versuchen, nicht alles mit sich, nicht alles mit den Nachbarn zuzulassen. Aufstände in den Ghettos, Fluchtversuche. Nationen wie Dänemark, die sich jeder Deportation verweigern, einzelne Menschen, die unter Einsatz und manchmal auch Verlust des eigenen Lebens Bekannte, Freunde und ihnen Fremde schützen und die die bohrende Frage aufwerfen, wieso sie in der Minderheit blieben und noch schlimmer, wie es so vielen Menschen gelingen konnte, Augen, Ohren und Herzen zu verschließen, wegzuschauen, mitzulaufen, mitzumachen… Die Gerechten unter den Völkern können die Katastrophe der Shoa nicht verhindern, doch für Einzelne werden sie zur Rettung, ermöglichten Weiterleben und manchmal Neuanfänge. Sie zeigen, dass der Einsatz für Menschlichkeit und Recht niemals zwecklos und niemals unmöglich ist.

Der Gang weitet sich, am Ende stehe ich mit dem schönsten Blick in Sonne und Weite Israels – den Fotoapparat kann ich mich nicht überwinden, schon wieder auszupacken. Ich schlendere durch die Kunstgallerie, das Außengelände, die Halle der Erinnerung, den Garten der Gerechten, das Denkmal für die Kinder.

Das Gelände schließt, fast vier Stunden sind vergangen, ohne dass ich es gemerkt habe. Sonne und Wind wärmen mich auf dem Weg zurück zur Straßenbahn in das lebendige Jerusalem.

Was bleibt ist Dankbarkeit und Bewunderung auch in den nächsten Tagen – dafür als Deutsche in diesem Land zu Gast zu sein und überall so große Freundlichkeit zu erfahren – selbstverständlich finde ich das nicht.

8. Juni – Jerusalem

Blick vom Ölberg auf den Tempelberg

Blick vom Ölberg auf den Tempelberg

Endlich Sommer! Und eine Stadt zu den Füßen, die obgleich von schon so vielen entdeckt und erobert nun meiner Erlebnisse harrt. Vom Ölberg schauen wir auf das Goldene Tor, Tempelberg, Davidsstadt, Berg Zion und tiefe Täler. In Ostjerusalem ist vom Shabbat nichts zu spüren, Kinder gehen zur Schule, Läden warten auf Kunden doch große Teile der jüdischen Bevölkerung, ob religiös oder nicht setzen ohnehin kaum einen Schritt in diesen Teil der Stadt. Ein Teil des großen jüdischen Friedhofs ist schon vor Jahren einem Hotel gewichen.

Augusta-Viktoria/Himmelfahrtskirche, Jerusalem

Augusta-Viktoria

Wir setzen unsere kleine Tour fort zum Augusta-Viktoria-Hospital. Von hier weitet sich der Blick bis in die Wüste und in der Ferne schimmert schon das Tote Meer. Wir treffen uns zum Plausch mit dem deutschen Pfarrer, der von Arbeit und aus dem Leben in Israel plaudert, besuchen die Kirche, in der die selbstgeschnitzte Bundeslade eines Pilgeres Obhut gefunden hat und genießen Melone und ein laues Lüftchen im Café. Der Puls wird langsamer, die Knochen beginnen aufzutauen, Urlaubsgefühlt stellt sich ein.

Weiter geht es mit dem Gang durch die Altstadt. Auf der Via Dolorosa entlang überholen wir singende Pilgergruppen, die mit einem Holzkreuz voran den Kreuzweg entlang schreiten. Dazwischen arabischer Markt, unzählige Kirchen, enge, angenehm kühle Gassen. Ein kurzer Besuch in der Grabeskirche – doch wer Ruhe und Besinnung sucht ist hier fehl am Platze. Kapelle drängt sich an Kapelle, dazwischen drücken sich Menschenmassen möglichst nah an die heiligen Orte, Blitzlichter von Kameras, Polizeiabsperrungen zur Besucherlenkung. Ein wenig beruhigt es mich, dass sich die Protestanten bei dieser Konkurrenz um kultische Orte zurückhalten. In jedem Fall schafft der Raum mehr Bewusstsein für die Zersplitterung der einen Kirche Christi als Gelegenheit zu Erinnerung und Vertiefung der eigenen religiösen Vorstellungen. Ich atme auf als wir wieder ins Freie treten.

Über den Dächern der Altstadt

Vom österreichischen Hospiz aus werfen wir einen Blick über die Dächer. Mitten im arabischen Viertel tauchen israelische Flaggen auf Häusern auf. Zur Sicherung von Ansprüchen kaufen jüdische Organisationen hier Häuser auf. Die Situation wird damit noch verworrener, jedeR versucht in diesem Land die eigenen Ansprüche auf die Weise zu sichern, die ihm oder ihr möglich ist. Einen Prozess zu gestalten, der allen gleichermaßen gerecht wird, wird damit vermutlich eher weiter verkompliziert.

Doch ganz offenbar will hier jedeR ein Stückchen heiliges Land mit prächtigen Bauten darauf, die großen drei Religionen ebenso wie ihre zahlreichen Konfessionen und jedes Land am Liebsten noch ein prächtiges, repräsentatives Gebäude in den Mauern der uralten Stadt.

Graffiti vor Bar

Graffiti vor Bar

Kaum bricht die Dunkelheit herein, erwacht Westjerusalem erneut. Die Läden und unzählige Bars öffnen und geben uns Gelegenheit den Abend beim Glas Wein im Trubel ausklingen zu lassen. Zwei Straßen weiter zieht eine Demonstration für soziale Gerechtigkeit an uns vorbei.

7. Juni – Ankommen

Meer und Wüste unter mir, der Flieger landet. „Willkommen im Heiligen Land“ textet der Freund, den ich besuchen werde – welch wunderbare Verheißung. Doch vorerst ist davon nicht viel zu spüren. Der Shabbat naht und alles ist in Hektik noch schnell die letzten Verkehrsmittel zu finden. Viele furchtbar hilfsbereite Menschen am Flughafen weisen mir den Weg zum Shuttle nach Jerusalem – leider jeweils den falschen. Also laufe ich doch noch mal runter in die Ankunftshalle und suche besser selber nach den richtigen Schildern – da, endlich gefunden!

Ankommen kurz vor Shabbat in Jerusalem und erste Impressionen: Ein kurzer Spaziergang durch die Altstadt, ein Blick auf die Klagemauer, mehr Trubel als Spiritualität, doch langsam senkt sich Ruhe über die Stadt. Ich bin eingeladen, nicht nur bei einem alten Freund, sondern auch zu seiner neuen Freundin – zum Shabbatessen – ich bin gespannt, auf den Abend und auf sie, von der er so schön formulierte, dass es sich trotz der kurzen Zeit sehr ernst anfühle…

Gebet, gesegnetes Essen, vorsichtiges Kennenlernen und das Geschenk, ein Pärchen beobachten zu dürfen, dessen Miteinander schwankt zwischen schon gefundenen vorsichtig-zärtlichen Routinen und liebevollster Aufmerksamkeit, wie sie die ersten Wochen schenken.

7. Juni – Losfahren

Endlich geht es los! So viele Jahre nur ein Plan, nun wirklich zum Flieger. Reisepass, Auslandskrankenversicherung, lange dünne Sachen, Sonnenbrille, Hute und den Badeanzug nicht vergessen. Namen bei der Botschaft hinterlegt, alle wichtigen Dokumente gescannt und per Mail hinterlegt – keine Ahnung was mich erwartet.

Es geht losNoch halb verschlafen dann zum Interview bei der Fluggesellschaft. Wer ich bin, wohin ich reise, warum, wen ich besuche, woher wir uns kennen, was ich beruflich mache, für wen ich arbeite, wie man mich erreicht, wenn man mich mit etwas beauftragen will, wer meinen Koffer gepackt hat… gut dass ich vorgewarnt war, dass genau das besonders bei einer alleinreisenden Frau passieren kann. Dennoch: Was geht das alles die Fluggesellschaft überhaupt an? Was macht es aus, dass ich weiblich und alleinreisend bin, sehe ich so naiv aus, dass ich mir ein Paket von einem Fremden geben lassen würde? Trotzdem: ruhig blieben, alles vorzeigen: eigene Visitenkarte, Korrespondenz mit dem Freund, den ich besuche, Auslandskrankenschein, Rückreiseticket, ich flechte ein, dass ich ab September auch wieder für den Deutschen Ev. Kirchentag arbeite – immerhin: eine klare Jobperspektive in Deutschland scheint das Interview zu beenden, also weiter mit der Gepäckkontrolle… alles zum ersten Mal aufmachen und durchsuchen… – Im Verlaufe der weiteren Checks wird mein Koffer noch mind. ein weiteres Mal, mein Handgepäck zwei weitere Male durchleuchtet, ich natürlich auch.

Puh, ich habe mich bei einem Flug noch nie so sicher gefühlt – und gleichzeitig so sehr verunsichert, in was für ein Land ich gerade reise, dass all diese Maßnahmen für notwendig hält.